Bäume, Läufer und Geschichte

Landmarken, Datierungshelfer, Klimazeugen und einfach immer schön…

Bäume – die spielen auf meinen Laufrunden, ob in der Stadt, in Parks oder auf dem Land für mich immer eine besondere Rolle. Gerne wähle ich sie mir als Stationspunkte für ein Fahrtspiel nach dem Motto: “… bis zu der großen Eiche gebe ich jetzt richtig Gas…“ oder „…die Verschnaufpause im Trab-Tempo geht jetzt aber wirklich nur bis zu der Kastanie da vorne…“. Nach der Wintersaison freue ich mich immer total über die ersten früh blühenden Magnolien in den Gärten und nicht nur im Sommer, wenn es sehr heiß ist, wähle ich meine Routen gerne durch ein bewaldetes Gebiet oder durch Alleen. Auch bei Regen weiche ich gerne dahin aus und hoffe, dass das Laubdach zumindest ein bißchen Schutz spendet. Sehe ich einen besonders mächtigen, alten Baum, erfüllt mich das immer mit so etwas wie Ehrfurcht, steht er doch an seinem Platz schon so viel länger als wir!

Im Tower of London. ©Haas-Gebhard

Was mögen diese alten Riesen, die ich auf dem Gelände des Tower von London bestaunt habe, schon alles mit angesehen haben! Bei Bäumen kann man das Alter ja durch das Abzählen der Wachstumsringe im Stamm bestimmen. In jedem Jahr seines Wachstums legt ein Baum einen Jahrring zu, der abhängig von den jeweiligen Wachstumsbedingungen immer unterschiedlich breit ist. In schlechten Jahren ist er schmal, in guten eher breiter. Diese Eigenschaft macht Bäume zu großartigen Datierungshelfern für mich als Archäologin! 

Jahresringe. © Haas-Gebhard

Sobald wir in unserem Fundmaterial Holzreste erhalten haben, bemühen wir uns, diese mit Hilfe der Jahrringe zu datieren – und das kann aufs Jahr genau gehen! Das schafft sonst so gut wie keine andere Datierungsmethode. Wie funktioniert das aber jetzt? Zunächst wird dafür die Stärke der Wachstumsringe gemessen und diese dann in ein ganz einfaches Punkt-Liniendiagramm übertragen. Durch den Wechsel von guten, weniger guten, schlechten und ganz schlechten Wachstumsbedingungen ergibt sich damit eine charakteristische Kurve, die sich in ähnlicher Form an nahezu jedem Baum derselben Art erstellen lässt, der in der entsprechenden Zeit gewachsen ist. Ausgehend von Bäumen, deren Fälldatum bekannt ist, kann man mittels der Überlappung des charakteristischen Kurvenverlaufes dann auch das Alter von Baumproben bestimmen, deren Fälldatum nicht bekannt ist. Nachdem diese Methode bereits seit den 1920er Jahren betrieben und ständig ausgebaut wurde, reichen diese Überlappungen mittlerweile sehr weit zurück. Für Mitteleuropa gibt es lückenlose Jahresringkurven (von Eichen), die 10.000 Jahre zurückreichen. Findet man auf einer Ausgrabung also ein Stück Holz, dessen genaues Alter man gerne kennen würde, so erstellt man zunächst ein Diagramm der beobachteten Jahrringbreiten. Danach schaut man, mit welchem Abschnitt der mittlerweile existierenden Jahresringkurve sich diese Kurve am besten überlappt und schon ist die Zeitspanne ermittelt, in der dieser Baum gewachsen ist und damit auch in welcher Zeit die Objekte, die zusammen mit dem Stück Holz gefunden wurden, höchstwahrscheinlich in Gebrauch waren. Das Ganze passiert natürlich nicht händisch, sondern mit der Hilfe von Computerprogrammen. Wie bei allen so raffinierten, wunderbaren Methoden gibt es auch hier natürlich ein paar Haken. Bäume können bekanntlich sehr alt werden, so dass man im archäologischen Fundmaterial schon möglichst nur das Holz mittels der Jahrringkurven datieren sollte, das noch einen Rindenanteil aufweist (Archäologen nennen das „Waldkante“), sonst kann man auch mal ein bis zwei Jahrhunderte bei seiner Datierung daneben liegen. Und da es im Lauf von 10.000 Jahren natürlich Zeitabschnitte gibt, in der die wechselnde Abfolge von sehr guten, guten, schlechten und miesen Wachstumsbedingungen recht ähnlich war, braucht man für die Jahrringbestimmungen schon ein Abfolge von mindestens 40/50 Ringen, also Jahren, um bei der Bestimmung der Überlappung ganz sicher gehen zu können. Und – man braucht Bäume, die tatsächlich einen auffallenden Wechsel von Wachstumsbedingungen durchgemacht haben und somit die charakteristische Kurve an wechselnden Jahrringbreiten aufweisen. Schlecht bzw. gar nicht funktioniert diese Methode deshalb mit Holzmaterial von Bäumen die an einem See-Ufer standen oder aus dem Bergwald stammen. Die einen haben immer recht gute Wachstumsbedingungen, die anderen eher schlechte. Wer jetzt ganz genau wissen will, wie die Methode funktioniert, kann das hier im Detail nachlesen:

http://www.landesarchaeologen.de/fileadmin/Dokumente/Dokumente_Kommissionen/Dokumente_Grabungstechniker/Grabungstechnikerhandbuch/8.1_Dendrochronologie.pdf

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2 Gedanken zu „Bäume, Läufer und Geschichte“

  1. Für mich, als nicht so passionierte Läuferin, ist ein schöner großer Baum ein toller Zielpunkt. In dessen Schatten genieße ich, meist verschwitzt und außer Puste ein erfrischendes Radler.

    1. Liebe Kathrin, wie recht du hast ! Was gibt es Schöneres, als nach einem Lauf unter einer Kastanie ein erfrischendes Getränk zu zischen !

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