Die Einsamkeit auf der langen Strecke

Eine alte Story, aber immer noch und immer wieder berührend – Alan Sillitoes Loneliness of the Long-Distance-Runner

Ich bin ja schon so ein bißchen ein „Challenge-Typ“, d.h. ich erfülle ganz gern irgendwelche mehr oder weniger sinnvoll erscheinende Aufgaben. Ich renne gern um die Wette, aber auch für Fitness-Challenges wie „Mindestens 10 Minuten die Plank halten“ oder „Ein Jahr lang jeden Tag mindestens 1 Meile laufen“ bin ich eigentlich immer zu haben. Nebenbei mache ich auch ganz gerne Reading-Challenges und eine davon, der ich mich neulich gestellt hatte, lautete: „Lies mal wieder eine alte Schulleküre!“. Kurz  zuckte meine Hand in Richtung Theodor Fontanes „Effi Briest“, bis mir dann einfiel, dass wir in Englisch doch mal Alan Sillitoes „The Loneliness of the Long Distance Runner“ lesen mussten, an das ich eigentlich nur noch ganz wenig Erinnerung hatte, außer, dass es ein hochgelobtes, sozialkritisches Stück aus dem England der 50/60er Jahre ist. Das erschien mir jetzt irgendwie passender.

Ich war nach einem erneuten Lesen dann doch ziemlich begeistert. Das Werk ist mit 88 Seiten sehr kurz, liest sich flott weg, ich habe es zugegebenermaßen allerdings in deutscher Übersetzung gelesen. Kurz zum Inhalt: In einem „Borstal“, einer Besserungsanstalt für kriminelle Jugendliche wird das Talent des jungen Smith als Langstreckenläufer entdeckt. Man lässt ihn intensiv trainieren, damit er bei einem Lauf-Wettkampf gegen andere Borstals den Sieg für seine Besserungsanstalt erringt. Für den recht unsympathisch skizzierten Direktor („… glotzäugig, glucksbauchig…“) würde das einen großen Status-Gewinn seiner Anstalt bedeuten, zudem stellt er Smith zahlreiche Vergünstigungen für den Fall seines Sieges in Aussicht. In Rückblenden erfährt man die kriminelle Vergangenheit des Jugendlichen und erkennt, dass er in seinem Milieu eigentlich nie eine Chance hatte, nicht in die Kleinkriminalität abzurutschen. Bei seinen Trainingsrunden überlegt er dann zwar manchmal, einfach abzuhauen, erkennt aber selbst, dass er auch dadurch Nichts an seiner Situation ändern würde. Richtig frei fühlt er sich in der Tat nur bei seinen langen Trainingsläufen, wo er seine Gedanken einfach fliegen lassen kann und ihm niemand sagt, was er zu tun oder zu lassen hat. Beim abschließenden Rennen liegt er weit in Führung, lässt aber in Zielnähe und für alle Zuschauer deutlich erkennbar, einen Konkurrenten einfach an sich vorbeiziehen und siegen. Ihm scheint das die einzige Möglichkeit, gegen das System, dass ihm nie eine Chance ließ, zu rebellieren und seine innere Freiheit zu bewahren. Die verbleibenden sechs Monate im Borstal sind für ihn dann aufgrund diverser Schikanen des frustrierten Direktor nicht einfach, am Ende erfährt man, dass er nach dem Ende des Aufenthaltes in der Besserungsanstalt seine Karriere als Kleinkrimineller mehr oder weniger erfolgreich fortsetzte. Das Buch zog – fast zwangsläufig – natürlich auch noch einen Film nach sich, es gibt ein Theaterstück dazu, bei dem der Hauptdarsteller offenbar auf der Bühne auf einem Laufband läuft. Die Rock-Band Iron Maiden hat sogar einen passenden Song zur Loneliness of the Long-Distance Runner  eingespielt, den man wegen der Tempi-Wechsel aber am besten bei einem Intervall-Lauf oder einem Fahrtspiel auf seine playlist setzt.

A. Sillitoe (1928-2010)

Absolut fasziniert haben mich die von Sillitoe geschilderten Gedanken und Gefühle seines Protagonisten bei seinen Langstreckenläufen. Vieles konnte ich genauso nachempfinden, gerade das titelgebende Gefühl der Einsamkeit, die aber so gar nicht negativ gedacht ist!

„… am Langstreckenlauf ist das Beste dran, weil ich dabei so gut nachdenken kann, dass ich alles besser begreife…“ 

„… das macht richtig Spaß als Langstreckenläufer allein draußen und keine Seele da, die dir die Laune verdirbt…“

„… da kommst du dir vor wie der einzige Mensch auf Erden und scherst dich keinen Pfifferling um gut oder schlecht, sondern trabst einfach weiter…“

„…trab-trab-trab, poch-poch-poch, schlapp-schlapp-schlapp, swisch-swisch-swisch…“.

Einige meiner Lieblingssätze aus A. Sillitoe, Die Einsamkeit des Langstreckenläufers (1959).

Ich konnte Smiths Entscheidungen durchaus nachvollziehen; allerdings, den klaren Sieg vor Augen diesen dann um meiner inneren Freiheit willen einem anderen zu überlassen, puh, das würde ich, glaube ich, nicht schaffen. Aber „…das ist ein weites Feld…“, um noch einmal Theodor Fontane zu bemühen. Effi Briest habe ich übrigens dann doch auch noch gelesen – auch das ist gar nicht mal so langweilig, wie in meiner Erinnerung …!

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