Ein (hippo)damischer Lauf

Musterlauf in der Münchner Maxvorstadt – nur sonntags vormittag möglich!

Wer etwas ambitionierter in Sachen „Laufen“ unterwegs ist besitzt zumeist eine Laufuhr, die Strecken, Höhenmeter, Geschwindigkeiten und alle möglichen Körperfunktionen aufzeichnet, welche man dann analysieren kann. GPS gestützt kann man seine gelaufene Route zuhause auf dem Stadtplan nachverfolgen und viele entdeckten in ihren Strecken wahrscheinlich so schon einmal irgendwelche Muster. Warum also nicht einmal ganz gezielt los, um ein Muster zu laufen? Ich habe mir dafür – natürlich – ein historisches Thema ausgesucht, nämlich den Bebauungsplan der Maxvorstadt in München. Anfang des 19. Jahrhunderts begann man unter dem ersten bayerischen König Max I. Joseph mit den Planungen für ein neues Stadtviertel des immer stärker wachsenden Münchens.

Italien-Traum eines Malerfürsten. Die Lenbach-Villa in der Maxvorstadt. ©Haas-Gebhard

Realisiert wurde das Stadtviertel dann zwar erst unter seinem Sohn, König Ludwig, dem ersten seines Namens, aber die Maxvorstadt trägt den Namen des Papas (eine Ludwigs-Vorstadt gab es dann freilich auch noch). Unter verschiedenen Entwürfen entschied man sich schließlich für den von F. L. Sckell – ihr seid diesem außergewöhnlichen Herrn ja schon im Nymphenburger Schloßpark begegnet(runnershistory.de/aha-erlebnisse/) !  Grundlage war für Sckell das „hippodamische Prinzip“, die Aufgliederung des Areals in gleich große Quadrate/Rechtecke mit zentralen Plätzen, ein städteplanerisches Grundprinzip, das im 5. Jahrhundert v. Chr. von Hippodamos von Milet entwickelt und bereits bei der Anlage vieler antiker Städte (Milet, Priene etc.) zugrunde gelegt worden war. Die Quadrat-Planung wurde von Sckell umgesetzt, wobei er bereits bestehende Straßen wie die schräg nach Nordwesten führende Dachauer Straße integrierte und die Prachtachse nach Schloß Nymphenburg genialerweise mit drei großen Plätzen, von O nach W: Karolinenplatz, Königsplatz, Stiglmaierplatz akzentuierte, die dann von tollen Architekten (Gärtner, Klenze) ausgestaltet wurden. Ausgemachtes Ziel des Bebauungsplan war es, die Maxvorstadt als „begrünte Gartenstadt“ zu gestalten, wovon heute gerade noch die luxuriösen Anwesen am Karolinenplatz und die Villa Franz von Lenbachs übrig geblieben sind. Schon sehr bald schwenkte man jedoch von „Villa“ auf Wohnhäuser um und baute das, was die Stadt München auch heute noch am dringendsten braucht: Wohnungen. Die Laufrunde auf dem Bauplan der Maxvorstadt war nicht ganz einfach. Der erste Versuch endete mit einem großartigen „Verlaufer“, der mich in das tiefste Herz des nördlich anschließenden Schwabings geführt hatte, der zweite Versuch war dann generalstabsmäßig geplant.

Nach langem Brüten über dem Stadtplan hatte ich die ideale Runde gefunden, notiert, los ging’s und auf der Laufuhr erschien dann tatsächlich Sckells Plan! Etwas überrascht war ich allerdings schon – obwohl ich nur ein recht überschaubares Areal in der Innenstadt Münchens abgelaufen hatte, waren das doch fast 16 km. Und ich muss zugeben, das „Fadenkreuz“ bei km 6 am Karolinenplatz zu laufen, hat mir auf dieser Tour am meisten Spaß gemacht! Ein damischer Lauf nach einer damischen Idee! Mit dem Adjektiv „damisch“ wird in Bayern normalerweise etwas bezeichnet, was verrückt, aber auch lustig und liebenswert ist, abwertend wird es nie gebraucht. Wenn eine BayerIn während eines Laufes behauptet, ihr/ihm wäre „damisch“ zumute, so ist allerdings Vorsicht angesagt. Ihr/ihm ist dann schwindelig, was vielleicht auf ein Absacken des Kreislaufs zurückzuführen ist. Das kann bei einem langen intensiven Lauf schon mal passieren. Das Wort kommt übrigens von einem alten Verb dameln = taumeln – nicht von der Dame!!! Hippodamos von Milet war auch nicht eigentlich damisch (oder nur selten), das „damos“ in seinem Namen kommt von griech. damazein =  bändigen. Hippodamos bedeutet somit Nichts anderes als Pferdebändiger.

Die Münchner Maxvorstadt ist ein lebhaftes Universitäts- und Ausgehviertel. Die hier beschriebene Tour kann man deshalb nur am Sonntag vormittag laufen – gegen die Party-People gibt es sonst für LäuferInnen kein Durchkommen! ©Haas-Gebhard

So, aber jetzt, auf geht’s, ihr StadtläuferInnen! Schaut mal Stadtpläne an, denkt euch ein Muster aus und lauft es nach, ich denke, da gibt es überall irgendetwas, was man machen kann: Fadenkreuze, Rechtecke, Dreiecke, Kreise, Buchstaben, damische Figuren. Für schöne viele Quadrate ist – denke ich – Mannheim ziemlich geeignet und wer sich echt was gönnen will, der nehme sich einmal Manhattan vor!

Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.