Fräuleinlaufen

Nein, es geht hier nicht um den Womens Run, sondern um eine sexistische Veranstaltung im mittelalterlichen München!

Aus einem langen Urlaub und einer noch längeren Verletzungspause zurück, hatte ich am 2. Oktober die Ehre und Freude, für meine caritative Laufgruppe „Sport für Spenden“ den zweiten „History Run“ zu mehr oder weniger unbekannten Stationen der Münchner Stadtgeschichte zu veranstalten. Auf vielfachen Wunsch wird es die besten Stories von dieser Aktion hier zum Nachlesen (oder Nachlaufen) geben.

Sport für Spenden. Auf dem Weg zum „Fräulein-Laufen“. Pic Haas-Gebhard.

Heute also hier eine Geschichte vom Jakobsplatz im Herzen der Altstadt: alle MünchnerInnen kennen natürlich die schöne neue Synagoge und das Kloster (samt Schule) am Oberanger. Auch wenn das Kloster heute in einem Neubau aus den 50er Jahren untergebracht ist, ist es tatsächlich das älteste Kloster Münchens (gegr. im 13. Jh. ). Schon von Beginn an diente es zur Unterkunft und Verpflegung der Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Auch heute noch gibt es dort Aussendungsfeiern für Pilger. Die einst am Jakobsplatz ansässigen Handwerker aus dem knochenverarbeitenden Gewerbe verdienten gut an den Pilgern, nicht zuletzt durch die Herstellung von abertausenden von sog. Paternosterschnüren, Vorläufern des Rosenkranzes, die jeder Pilger bei sich trug.

Reste von der mittelalterlichen Paternosterherstellung am St. Jakobsplatz. Copyright Archäologische Staatssammlung (M. Eberlein).

Am Jakobsplatz fand aber auch lange Zeit die sog. Jakobi-Dult statt, die später aus Platzgründen auf den größeren Maria Hilf-Platz in der Münchner Au verlegt wurde. Für Nicht-Bayern: eine „Dult“ ist eine Ansammlung von Verkaufsständen der unterschiedlichsten Sparten (Haushaltsgeräte, Antiquitäten etc.) kombiniert mit Essensständen, Fahrgeschäften u.a. Im Mittelalter wurden die Verkaufsstände einer Dult ebenfalls mit Belustigungen für die Besucher angereichert, wie Gauklern, Tierdompteuren und vielen anderen. Ab dem Jahr 1448 bot man der Münchner Bevölkerung dann noch eine ganz besondere Attraktion: man veranstaltete zum Zeitpunkt der Jakobi-Dult Ende Juli ein Pferderennen, das auf dem damals noch unbebauten Gelände zwischen Stachus und Stiglmaierplatz stattfand. Und es gab aus diesem Anlass tatsächlich auch das erste belegte Wettrennen in München, das sog. „Fräuleinlaufen“ wobei man unter den „Fräulein“ aber keine unverheirateten Frauen verstand, sondern Prostituierte. Dieses Rennen fand wahrscheinlich direkt am Jakobsplatz statt, die genaue Distanz ist allerdings nicht bekannt. Wir kennen aber zumindest den Siegespreis: ein wertvolles Stück Stoff, ein sog. Barchent. Das Fräuleinlaufen wie auch das Pferderennen wurde dann jährlich wiederholt und erfreute sich großer Beliebtheit. Die Damen scheinen das Rennen als eine Art Werbe-Veranstaltung genutzt zu haben, ihre Laufbekleidung muss sehr freizügig gewesen zu sein. 1562 war dem Stadtrat dieses bunte Treiben zu viel, es heißt in einem Ratsprotokoll dass die Frauen „…so schändlich laufen, sich gar entblößen, jungen Leuten ein böses Exempel geben und sie anreizen, ins Bordell zu kommen…“. Das Fräuleinlaufen wird abgeschafft und ab 1564 gab es dann ein Wettrennen junger Männer in Karnevalskostümen. Mit einem großen Rundlauf um den Jakobs-Platz – unkostümiert und in ordentlicher Laufbekleidung 🙂 – haben wir dieser ersten Wettläufe in München gedacht.

Synagoge München.

File:Jüdisches Zentrum München mit Jakobsplatz.JPG – Wikimedia Commons (Guido Radig)
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