It’s coming home

Football is coming home?

Ich bin ja immer noch in der Laufpause und darf nur „leichten Sport“ betreiben. Neben Rückenfit und Aqua-Gymnastik habe ich mich jetzt deshalb verstärkt dem passiven Sport in Form von Fernsehschauen zugewandt. Dabei habe ich – wieder einmal ziemlich sprachlos – die Leistungen der Tour de France Athleten bewundert, die irgendwelche unfassbar steilen Pyrenäenpässe in einem unfassbaren Tempo hinauf- und hinuntergefahren sind. Mein gelbes Trikot | runnershistory

Und natürlich habe ich Fußball geschaut, ich muss zugeben, eine meiner liebsten passiv betriebenen Sportarten, auch wenn natürlich diese EM schon irgendwie schwierig war. Dabei meine ich nicht nur die Leistung der deutschen Nationalmannschaft, sondern das ganze Drumherum mit der schwer durchschaubaren, fast mafiös wirkenden UEFA, der Pandemiesituation und v.a. diesem hier doch verstärkt auftretenden und aggressiv zur Schau gestellten Nationalismus. Irgendwie habe ich ja den Eindruck, dass sich fast ganz Europa darüber gefreut hat (mich eingeschlossen), dass Italien Campione geworden ist. Als großer Antikenfan war ich zudem sehr begeistert davon, dass die beiden wundervollen italienischen Innenverteidiger Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci in der italienischen Presse den Beinamen „i Senatori“ tragen. In der Tat erinnern beide nicht nur aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters (34 und 36 Jahre !!!) sondern auch in ihrem Erscheinungsbild an römische Darstellungen.

Redegestus oder Beschwerdearm? Der sog. Arringatore im Archäologischen Nationalmuseum Florenz. File:Arringatore.jpg – Wikimedia Commons

Ich habe dann diesen Anlass genutzt, mal zu recherchieren, wo der Fußball eigentlich herkommt und was es mit diesem „Football is coming home“ eigentlich auf sich hat. Und – unglaublicherweise – die ältesten europäischen Nachweise für den Fußball stammen aus der renaissancezeitlichen Toskana!

Das Spiel, das die Italiener „Calcio“ nennen. Darstellung aus Florenz um 1610.

Nach dieser schönen Abbildung hatte der „calcio“ allerdings nur Grundzüge mit dem heutigen Fußball gemeinsam, aber immerhin gibt es zwei Tore und mit Trommeln ausgestattete Schiedsrichter (?). Die Anzahl der Spieler ist größer und das Spielverhalten erinnert eher an Rugby, wenn nicht ausgerechnet eine „Rudelbildungsszene“ dargestellt sein sollte, wie sie heute bei unberechtigt vergebenen Elfmetern ja durchaus auch noch vorkommt. Noch ältere Belege für eine fußballähnliche Ballspielart gibt es aus Mittelamerika im 14./15. Jahrhundert. Auch hier sind die Regeln nicht ganz klar. Manche vermuten, dass der Ball mit allen Körperteilen, nur nicht mit dem Fuß berührt werden durfte. Ziel war es offenbar, den Ball durch einen in Überkopfhöhe vertikal angebrachten Ring zu befördern, was nun eher an Basketball erinnert. Es wird auch vermutet, dass dieses Ballspiel ein Ritual innerhalb eines Art Gottesdienstes war und die Verlierer dann hingerichtet wurden. Manche meinen allerdings, dass man die Sieger umgebracht hat. Das ist Alles etwas unklar, aber sicher ist, dass dieses Spiel in Mittelamerika weit verbreitet war, denn es sind zahlreiche solche Ballspielplätze bekannt.

Aztekischer Ballspielplatz in Monte Alban (Mexiko). Monte_Albán-12-05oaxaca024.jpg (1280×960) (wikimedia.org)

Ein gewissen Einfluß scheint das Spiel auf die Entstehung oder Entwicklung von Ballspielen in Europa gehabt zu haben, denn es ist bekannt, dass eine solche Mannschaft nach Europa gebracht wurde und vor dem spanischen Kaiser gespielt hat. Hingerichtet wurde dabei keiner – weder Sieger noch Verlierer.

Und England jetzt? Naja, das ist schon so etwas wie die Wiege des modernen Fußballspiels, denn dort wurden 1863 die weitgehend heute noch gültigen Regeln festgelegt. Aber sieht man es in einem etwas größeren europäischen Rahmen muss man dieses Jahr sagen: Il calcio è tornato a casa.

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