Jetzt aber los, Maria!

Habt ihr euch eigentlich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie weit es von Nazareth nach Bethlehem ist und wie lange Joseph und Maria dafür wohl gebraucht haben?

Die Geschichte ist wohlbekannt:

Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. (NT Lukas 2)

Natürlich muss man zwischen dem Leben des „historischen Jesus“, den Ereignissen, die tatsächlich zu seiner Lebenszeit stattfanden und dem, was die Christen glauben, unterscheiden. Ich will hier aber jetzt gar keine große Bibel-Exegese betreiben, mich hat einfach mal die Frage interessiert, welche Strecke zwischen Nazareth und Bethlehem zu bewältigen ist und wie lange ein normaler Fußgänger in der Zeit um Christi Geburt wohl dafür gebraucht hat. Welche Strecke werden Maria und Joseph genommen haben? Sicher nicht über die gut ausgebaute Römerstaße, die „Via Maris“ entlang der Mittelmeerküste, die einen erheblichen Umweg bedeutet hätte, sondern direkt von Nazareth nach Süden durch die gebirgigen Geflide des heutigen West-Jordanlandes. Die modernen Routenplaner sind bei der Berechnung der Streckenlänge keine große Hilfe, denn die von ihnen ermittelten Routen zwischen Nazareth (Israel) und Bethlehem (Palästina)  lassen keine direttissima zwischen den beiden Orten zu – kein Wunder, durch die West-Bank kann man heute nicht einfach so durchmarschieren.

Die direkte Route von Nazareth (N) nach Bethlehem (S) ist heute mit keinem Routenplaner planbar! Erstellt mit Google Earth.

Geschätzt dürfte die antike Wegstrecke aber etwa 120 km betragen haben, durch gebirgiges Gelände, über unbefestigte Wege und Pfade. Wie schnell werden die beiden gegangen sein? Sicher nicht im Laufschritt, dazu gab es keine Notwendigkeit. Sie hatten vielleicht einen Esel oder ein Maultier als Lasttier für Wasser und Proviant zur Begleitung dabei, auch wenn Lukas im Neuen Testament Nichts davon erzählt. Joseph stammte als Zimmermann aus der Handwerker-Schicht, Maria wahrscheinlich auch und so dürften beide körperliche Arbeit und Strapazen gewohnt gewesen sein und damit einen guten Fitness-Zustand gehabt haben. Maria war allerdings hochschwanger und damit sicherlich nicht mehr voll belastbar. Gehen wir von einem Esel oder Maultier als Begleittier aus, die sich beide für Gebirgsstrecken ja optimal eignen, so setzt die tägliche Laufleistung dieser Tiere das Limit. Das sind für MarathonläuferInnen fast lächerlich wirkende 17 – 20 km am Tag. Esel bzw. Maultiere sind trittsicher, anspruchslos in Sachen Futter und Wasser und ausdauernd, aber halt nicht schnell.

20 km Tagesleistung scheint – auch ohne tierische Begleitung – so etwas wie eine magische Marke für Fußgänger in der Antike gewesen zu sein. Alles über 20 km war zwar machbar, galt aber als ein „iter magnum“, d.i. ein großer Marsch, eine Art „Gewaltmarsch“, sogar für die römischen Elitesoldaten, die Legionäre, die allerdings immer mit viel Gepäck unterwegs waren. Rechnen wir also mit einer Tagesleistung von um die 20 km, dann müssten sich Maria und Joseph spätestens am heutigen 19. Dezember auf den Weg nach Bethlehem gemacht haben, wenn das Baby dort in der Nacht vom 24. zum 25. 12. zur Welt kommen sollte. Aber natürlich – das ist christlicher Glaube und weder das Jahr noch der Tag von Jesu Geburt ist wirklich sicher nachgewiesen! Die Volkszählung des Quirinus fand übrigens erst im Jahre 6 nach Christi Geburt statt … und der 25. Dezember ist auch ganz klar eine Fiktion! Denn an diesem Tag feierten die Römer normalerweise den Geburtstag des „Sol invictus“, des unbesiegten Sonnengottes, da nach der Wintersonnenwende die Tage nach diesem Zeitpunkt wieder länger werden. Erst viel später, im 4. Jahrhundert n. Chr. wird dieses Datum dann auf die Geburt von Jesus Christus übertragen und damit in der katholischen Kirche kanonisch.

Römische Silberscheibe mit der Darstellung des unbesiegten Sonnengottes im British Museum London.
© Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, British Museum

Auch für uns LäuferInnen werden die Tage jetzt langsam wieder länger – ich freue mich auf jeden Fall schon wieder darauf, nicht mehr im Dunkeln laufen zu müssen sondern dann, wenn der „Sol invictus“ hoch am Himmel steht!

Euch allen ein Frohes Weihnachtsfest – keep on running!

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