Mein gelbes Trikot

Gelb ist die Farbe der Sieger, oder etwa nicht …?

Im Mai 2020 war mir beim Laufen ja der Färberginster ins Auge gestochen und ich habe dann tatsächlich mal ein Experiment „Färben mit Naturstoffen“ unternommen. Nachdem ich die Anleitung auf  https://www.wildes-berlin.de/faerberginster/  genauestens befolgte, ist es mir dann auch gelungen, einem alten weißen T-Shirt ein überraschend knalliges Gelb zu verpassen, dass es in der Farbkraft durchaus mit modernen Produkten aufnehmen kann. Die Farbe ist lichtecht, in die weiße Wäsche würde ich es aber eher nicht geben. Der Färbeprozess sorgte allerdings bei meinen Kids für eine kleine Irritation – sie glaubten tatsächlich dass sie den eine Stunde lang vor sich hin köchelnden Färberginster zum Abendessen aufgedeckt bekämen (machen wir jetzt Detox, oder was ist das?).

Gelb ist die Farbe der SiegerInnen, nicht nur weil es im Farbwert so nahe am Gold ist, sondern in erster Linie weil seit 1919 der Führende der Tour de France in einem maillot jaune fährt. An diesem Wochenende wird ja wieder einmal der Sieger dieses ultraharten Fahrradrennens gekrönt, nach der letzten Etappe in Paris, die eigentlich nur noch ein Schaufahren auf den Champs Elysees ist, denn der Führende wird traditionellerweise auf dieser letzten Etappe nicht mehr angegriffen, sondern bekommt während der Fahrt auch schon einmal ein Gläschen Champagner serviert. Die Leuchtfarbe Gelb bringt es natürlich mit sich, dass der Gesamtführende auch heute noch im kunterbunt gekleideten Peloton gut erkennbar ist. Der Begründer der Tour de France und Erfinder des gelben Trikots, Henri Desgrange, war gleichzeitig aber auch Herausgeber der Sportzeitung L’Auto (Vorgängerin der heutigen L´ Équipe), die in gelber Farbe gedruckt wurde – vielleicht war das Gelb also auch so ein bißchen eine Marketing-Geschichte? Andere Quellen behaupten, dass 1919 auf die Schnelle kein Trikotstoff in einer anderen Farbe zur Verfügung stand, was so kurz nach dem 1. Weltkrieg auch nicht ganz unwahrscheinlich ist. Die ersten Radfahrer in Gelb mussten auf jeden Fall einigen Spott erleiden, wurden gar als Kanarienvögel bezeichnet. Heute ist es auch in anderen Sportarten üblich, dass die Führenden in der Gesamtwertung ein gelbes Trikot oder Leibchen tragen – schaut mal beim Biathlon oder bei den alpinen Skirennen! Natürlich ist Gelb die Signalfarbe schlechthin, die auffällt, aber immer auch ein Warnsignal bedeutet. Ihr wisst alle, was die Gelbe Karte im Fußball bedeutet: einmal noch und dann ist Schluss! Kulturgeschichtlich ist Gelb im Mittelalter die Farbe der Auffälligen, auch die der Ausgestoßenen außerhalb der Gesellschaft. Prostituierte mussten im Mittelalter gelbe Kleidung tragen und die Nazis schufen im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte den gelben Judenstern in mittelalterlicher Tradition. Gelb ist aber auch die Farbe, mit der in der Kunst Betrüger und Verräter gekennzeichnet wurden. Der berüchtigste Verräter der Geschichte, Judas Iskariot, trägt auf Darstellungen zumeist einen gelben Mantel. Honi soit, qui mal y pense – nach dem Motto des Hosenbandordens (ein Schelm, wer Böses dabei denkt) – würde irgendjemand wirklich beim Sieger der Tour de France an Betrug, vielleicht durch unerlaubte Hilfsmittel, denken?

Ich mag die Farbe Gelb eigentlich nicht besonders und würde unter den Wertungstrikots (mädchenhaftes Rosa trägt der Sieger des Giro d’Italia, feuriges Rot der der Vuelta a España, liebliches Grün der Sprintschnellste der Tour) auf jeden Fall und immer und ausschließlich das Bergtrikot der Tour de France bevorzugen. Weiß mit roten Polka-Dots, auf französisch maillot à pois rouges genannt – wie sich das schon schön anhört! Wie man das Trikotmotiv modisch absolut überzeugend auch im Hochleistungssport interpretieren kann, zeigt euch der dänische Rad-Profi Michael Rasmussen auf diesem Foto hier; ich brauche diese Handschuhe! https://sicycle.files.wordpress.com/2015/06/jd05tdfstg2104.jpg

Das Punktetrikot gibt es jetzt erst seit 1975 und angeblich geht es auf den französischen Schokoladenhersteller „Chocolat Poulain“ zurück. Der sponsorte die Bergwertung und verkaufte seine Schoki angeblich in weißem Papier mit roten Punkten. Sicher belegt ist die Story nicht, aber eigentlich zu schön, um nicht wahr zu sein!

Capra ibex, der Alpen-Steinbock. Bester Kletterer und damit ewiger und einzig wahrer Träger des Bergtrikots. ©Haas-Gebhard

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