Mit der Wölfin rennen

Was hat der Böse Wolf mitten in München zu suchen ….

Der Rotkäppchen-Brunnen am Kosttor in München. © Haas-Gebhard

Auf einer Sonntags-Laufrunde habe ich einen Schlenker durch die Münchner Altstadt gemacht und bin dabei am Kosttor, zwischen Hofbräuhaus und Maximilianstraße, auf diesen bezaubernden Rotkäppchen-Brunnen gestoßen, den ich zuvor noch nie richtig bemerkt hatte. Jetzt haben weder der Böse Wolf, noch das Rotkäppchen oder die Gebrüder Grimm irgendetwas mit München zu tun, aber eine Inschrift auf dem Brunnen klärt darüber auf, dass die Stifter des Brunnen, Apollonia und Adolf, den Familiennamen Wolf trugen und sich mit dem „Wolfsbrunnen“ 1904 im Stadtbild verewigt sehen wollten. Die ausführenden Künstler, Georg Düll und Heinrich Pezold, nahmen sich ein prominentes Vorbild für den Bösen Wolf. Es ist – unschwer zu erkennen – die Capitolinische Wölfin, eine großartige Bronzeplastik, die heute in den Capitolinischen Museen in Rom aggressiv ihre Zähne bleckt.

Die Wölfin ist das Wappentier der Stadt Rom, sie begegnet einem dort an jeder Ecke im Stadtbild und sie hat es sogar in das Emblem eines der beiden dortigen Fußball-Erstligavereinen geschafft (AS Roma – die Spieler werden von Fans übrigens auch „i lupi“ = „die Wölfe“ genannt). Warum eine Wölfin? In jedem besseren Stadtführer über Rom wird das auf die Gründungsgeschichte der Ewigen Stadt zurückgeführt:  eine Königstochter und Priesterin, die zur Jungfräulichkeit verpflichtet war, hatte Zwillinge geboren und diese ausgesetzt. Eine Wölfin fand und säugte die beiden Buben, die auf Umwegen zu ihrem königlichen Großvater gelangten, letztendlich ihr Erbe antreten konnten und dann die Stadt Rom gründeten (jedem Latein-Schüler klingt es wahrscheinlich noch im Ohr: „…753 kroch Roma aus dem Ei…“). Wirklich glaubhaft ist das jetzt aber nicht, dass ein Raubtier Menschenbabys säugt. Was also steckt hinter dieser Legende? Hier gibt es zwei Versionen, die diskutiert werden: so ist der Wolf das Wappentier des römischen Gottes Mars, der nach antiker Vorstellung für alle Arten kriegerischer Auseinandersetzungen zuständig ist. Er wurde in Rom sehr verehrt, war dort so eine Art Stadtheiliger, denn Rom verdankte den Aufstieg zur antiken Weltmacht ja seiner militärischen Kompetenz. Es würde also gut in die römische Vorstellungswelt passen, dass die Stadtgründer vom Wappentier des Kriegsgottes aufgezogen worden wären, ihr kriegerisches Wesen also quasi mit der Muttermilch aufgesogen hätten. Und kriegerisch/streitsüchtig waren die beiden! Der eine, Remus, wurde bei einem Streit aus nichtigem Anlass von seinem Bruder Romulus schließlich totgeschlagen, der deshalb als alleiniger Namensgeber der Stadt fungiert. Spannender finde ich aber die andere Deutung der Legende: mit dem Wort „lupanarium“ bezeichnete der antike Römer ein Bordell, die dort tätigen Damen wurden „lupae“ (Mehrzahl) genannt und das ist pfeilgerade dasselbe Wort wie für… Wölfinnen. Wuchsen Romulus und Remus vielleicht bei einer „lupa“ (Einzahl) auf? Und man hatte das später entsprechend zurecht gedreht? Aus einer Prostituierten eine Wölfin gemacht? Möglich wär’s. Häufig ist es aber auch in der Archäologie nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint: Sehr lange Zeit hielt man die „Lupa Capitolina“ auch für ein römisches oder gar noch älteres etruskisches Meisterwerk, die beiden Säuglinge waren schon immer als spätere Zutat des 15. Jahrhunderts erkannt. Neuste wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass diese ikonische römische Wölfin wohl erst im Mittelalter entstanden ist, wahrscheinlich aber als Nachbildung einer zerstörten antiken Plastik.

Begegnung mit einem Wolf. LandArt im Val di Sella , Borgo Valsugana, TN, I. © Haas-Gebhard

Wölfe sind übrigens die einzigen Lebewesen, die auf der Langstrecke mit dem Menschen mithalten können. Ein modernes Rennpferd schafft zwar ein Tempo von bis zu 70 km/h, hält das aber nur über kurze Zeit durch. Auch die schnellsten Landtiere, Geparden, können ihre super-Speed von 100 km/h nicht über lange Distanzen laufen. Strecken über 100 km an einem Stück zu laufen, schaffen überhaupt nur Menschen oder Wölfe. Die kommen mit einer gemessenen Durchschnittsgeschwindigkeit von 8 km/h auf der Langstrecke aber auch längst nicht an das Tempo einer gerade so durchschnittlichen Marathonläuferin wie mich heran! Der „lupa romana“ kann man übrigens in München auch noch an anderen Orten begegnen und dass nicht im Rotlichtbezirk!

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