Runners in love

Schnelle Läufer können auch sehr romantisch sein….

Eigentlich wollte ich mir in meiner Lieblingsbuchhandlung den Roman von Isabell Bogdan „Laufen“ besorgen, aber da gab es ein kleines Mißverständnis und so hielt ich plötzlich ein schmales Bändchen mit demselben Titel, aber aus der Feder eines Jean Echenoz, in den Händen. Die zarte Pastell-Zeichnung auf dem Cover hatte ich schnell identifiziert – über die Karls-Brücke in Prag bin ich ja auch schon drüber gelaufen. Aber der Herr, der da so dynamisch über die Brücke springend hineinmontiert ist, war das vielleicht Emil Zátopek? In Alltagskleidung, mit Straßenschuhen und einem Einkaufskörbchen in der linken Hand kam er mir zwar etwas fremd vor, aber ein Blick auf den Klappentext bestätigte meine Vermutung. Es geht in dem Buch tatsächlich um den unumstrittenen G.(R.) O. A. T. den „greatest runner of all times“, einen Titel, den er nicht zuletzt deswegen trägt, da ihm es als einzigem Läufer bislang gelungen ist, bei einer Olympiade die Goldmedaille in allen drei Langstreckendistanzen (5000 m, 10.000 m, Marathon) zu gewinnen (Helsinki 1952).

Das kleine Büchlein ist brillant recherchiert, alle Ereignisse haben sich mehr oder weniger so abgespielt wie beschrieben, es ist aber keine regelrechte Biographie Zátopeks. Vielmehr sind es schnell angerissene Skizzen aus seinem Leben, in denen die Persönlichkeit dieses Jahrhundertläufers charakterisiert wird. Fair, freundlich, witzig, sprachgewandt, manchmal vielleicht auch ein bißchen naiv, Zátopek ist mir da als Person richtig ans Herz gewachsen (als Läufer war er das ja längst), ich glaube sogar fast, ich habe mich etwas verliebt! Es gibt wunderbare, aber auch haarsträubende Szenerien wie bei den Sport-Wettkämpfen der Alliierten unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, wo er beim Einzug der Nationen verspottet wird, da er als einziger Athlet der Tschecheslowakei antritt, aber ihm die Herzen aller nach seinem triumphalen Sieg zufliegen. Oder, wie er in Oslo alle seine Mitkonkurrenten in seinem unverwechselbaren Laufstil überrundet. Sehr interessiert habe ich die Geschichten über seine Konkurrenz mit Viljo Heino gelesen, einem der „fliegenden Finnen“, der mir bislang gar kein Begriff war. Mein romantisches Herz rührte natürlich die Liebesgeschichte mit seiner Frau Dana, der Liebe seines Lebens, die 1952 fast gleichzeitig mit ihm eine olympische Goldmedaille im Speerwerfen gewann.

Die Zátopeks in Love. Bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki.

Mein Göttergatte hat mir dann zum Geburtstag eine Autogrammkarte der beiden, natürlich längst Verstorbenen geschenkt, auf dem eine Speerwerferin einen vor ihr wegrennenden Läufer zu jagen scheint, der sich nach ihr umdreht. Ich weiß bis heute nicht so genau, was er mir damit sagen wollte, musste aber unmittelbar an die zahlreichen Wettkämpfe denken, bei denen ich ihn vor mit hergejagt hatte (ohne Speer!). Zumindest einmal war ich vor ihm im Ziel, da war er allerdings verletzt…..

Was man auf jeden Fall daraus mitnehmen möchte: Hinter jedem schnellen Läufer steht eine starke, manchmal auch eine schnelle Frau! Schaut euch doch noch einmal den Ziel-Einlauf von Eliud Kipchoge bei seinem Marathon unter 2 Stunden 2019 in Wien an, wer ihm da dann als erstes in die Arme fliegt!

Bemängelt wurde von Kritikern, dass in Echenoz Buch nur die Höhepunkte und Triumphe dieses Lebens geschildert werden, nicht Zátopeks Kindheit in bitterster Armut oder die unglückliche Rolle, die er im Prager Frühling und danach spielte, aber das Buch heißt nun mal nicht „Das Leben Emil Zátopeks“ sondern „Laufen“. Großen Raum nehmen darin Beschreibungen des charakteristischen Laufstils ein, der Zátopek berühmt machte und breit geschildert werden auch die unglaublichen Trainingsprogramme, die er, z. T. in Armee-Stiefeln!,   abgespult hat, um an die Weltspitze zu gelangen. Die Sprache folgt dabei immer wieder dem Rhythmus des Laufens – eine großartige Leistung des Übersetzers Hinrich Schmidt-Henkel! Es würde mich wirklich sehr interessieren, ob das auch im französischen Original so angelegt ist.

Das Buch hat 125 Seiten und ist sehr schön übersichtlich gelayoutet. Ich habe es an einem Nachmittag auf einen Rutsch durchgelesen, für mich ein kleines literarisches Juwel!

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