Running Thomas Mann

In seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ gibt Thomas Mann Anregungen für einen schönen, etwa 9 km langen Lauf durch München.

Thomas Mann geht im Englischen Garten spazieren. © Haas-Gebhard unter Verwendung von Bundesarchiv, Bild 183-H27031 / CC-BY-SA 3.0

Während der Corona-Krise im Frühjahr dieses Jahres bin ich viel gelaufen, habe aber auch viel gelesen. Besonders interessiert haben mich in dieser Zeit Bücher, die sich mit Seuchen, Epidemien und Pandemien beschäftigen. Nach Albert Camus „Die Pest“ und Gabriel Garcia Márquez „Die Liebe in Zeiten der Cholera“, griff ich dann auch mal wieder zu einer alten Schullektüre, Thomas Manns „Der Tod in Venedig“. Da gibt es erstaunliche Parallelen zwischen dem von Mann geschilderten Auftreten der Cholera 1911 in Venedig und dem Ausbruch der Corona-Pandemie! Ganz zu Beginn der Novelle schildert Mann jedoch einen Spaziergang durch München, den ich dann mal „nachgelaufen“ bin. Der Protagonist der Geschichte, Gustav von Aschenbach, in dem die Literaturgeschichte längt ein verstecktes Selbstporträt von Thomas Mann erkannt hat, macht sich an einem Nachmittag von seiner Wohnung in der Prinzregentenstraße auf zu einem Spaziergang durch den Englischen Garten.

Hört mal hier, ich lese es euch vor:

Aschenbachs Spaziergang.
Laufroute im Englischen Garten
Auf Thomas Manns Spuren durch den Englischen Garten

Die Hausnummer am Start verrät uns Mann nicht, ich bin dann halt an der legendären Hausnummer 1 der Prinzregentenstraße gestartet, wo sich im Untergrund des Haus der Kunst der lange Zeit angesagteste Club Münchens befindet. 1911 stand das Haus der Kunst aber natürlich noch nicht an diesem Platz, es wurde erst 1933-37 von den Nazis gebaut, zuvor reichte der Englische Garten bis an die Prinzregentenstraße. Die genaue Strecke durch den Park schildert Mann nicht im Detail, ich habe mich auf diesem run dafür entschieden, einmal ganz im Osten, immer am Eisbach entlang zu laufen, weil man da an sehr netten Punkten wie der „Kleinen Welle“ (bei 0,7 km) oder dem alten Tivoli-Kraftwerk (bei 2,7 km) vorbeikommt. Kurz nach dem Auslass des Eisbachs in die Isar – übrigens eine super-Badestelle – erreicht man bei km 4 das Oberföhringer Wehr, das Mann/Aschenbach bei seinem Spaziergang noch nicht gesehen haben kann, denn es wurde erst 1924 fertig gestellt. 1911 führte hier noch – heute kaum mehr vorstellbar – eine Drahtseilfähre über die Isar. Der Schriftsteller und die Läuferin genießen ab hier die „stilleren“ und sich schlängelnden Wege hin zum Aumeister bei km 6, einem damals wie heute überaus beliebten Biergarten. Mann/Aschenbach verlässt ohne dort einzukehren dann den Englischen Garten an seiner Westseite und landet an der Aussegnungshalle des Nördlichen Friedhofs. Dort bestaunt er die „apokalyptischen Tiere“ am Eingang und hat eine beunruhigende Begegnung, die das Unheil bereits ankündigt, das ihm auf seiner kommenden Reise nach Venedig drohen wird.

„… Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze Gedächtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Gräberfeld bilden…“ Heute noch wie zu Thomas Manns Zeiten! © Haas-Gebhard
Von den beiden apokalyptischen Tieren vor der Aussegnungshalle gibt es heute nur noch Kopien.
Eine davon im Bild-Vordergrund, in Weiß. © Haas-Gebhard.

Insgesamt sind das leicht machbar erscheinende knapp 9 km, für einen flanierenden Schriftsteller von über 50 Jahren war das aber eine nicht zu unterschätzende Strecke. Mann/Aschenbach fühlte sich jetzt auf jeden Fall müde und nahm die Trambahn zurück in die Stadt. Die Linie existiert heute nicht mehr, man kann aber bequem am Nordfriedhof in die U6 einsteigen und sich zum Odeonsplatz, fast an den Startpunkt, zurückbringen lassen – oder man läuft ein kleines 5 km Schleiferl durch den Englischen Garten zurück. Thomas Mann wäre seinerzeit niemals auch nur auf die Idee gekommen, diese Strecke im Laufschritt zu absolvieren. Joggen war damals noch kein Thema und Mann war alles andere als ein großer Sportler – dazu ein andermal mehr! Allerdings habe ich mir beim Lesen vom „Tod in Venedig“ gedacht, dass er in seinem Schreibstil schon etwas von einem Langstreckenläufer an sich hat. Diese ewig langen Sätze, die höchste Konzentration fordern – mir klang da beim Lesen immer das Mantra meiner Laufcoachin Sonja von Opel im Ohr: „….weiter, immer weiter….“. Aber sei es Thomas Mann oder Marathon laufen: dranbleiben und durchhalten lohnt sich hier auf jeden Fall! Und mal auf den Spuren des von mir sehr verehrten Großmeisters der deutschen Sprache zu laufen, das hatte für mich schon was Besonderes. Der Steinmetz Rehm mit seinem Betrieb gegenüber der Aussegnungshalle hat mir übrigens die spannende Geschichte von den apokalyptischen Tieren erzählt. Interessiert euch die? Und – ihr habt doch bestimmt die römische Wölfin auf dem Foto entdeckt? Das ist eine Kopie der Wölfin, die heute im Max-Gymnasium wacht!

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