Schöner fremder Mann

Er ist wieder da!

Der schönste Mann Münchens. ©Haas-Gebhard

Wenn sich der „Harmlos“ nackig macht, also von der Verwaltung des Englischen Gartens in München aus seinem winterlichen Holzverschlag herausgeholt wird, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Winter jetzt endgültig vorbei ist und die Zeit für kurze Laufhosen wieder angebrochen ist. Diese Statue steht neben der Bayerischen Staatskanzlei am Übergang von Hofgarten in den Englischen Garten, die Inschrift erklärt stolz, dass sie im Jahr 1803 von Franz Schwanthaler im Auftrag von Theodor Graf Morawitzky (damals bayer. Kultusminister) geschaffen wurde. Einen guten Rat auf den Weg gibt einem die Tafel rechts von ihm, auf der man liest „Harmlos wandelt hier! Dann kehret neugestärket zu jeder Pflicht zurück“ – das ideale Motto für ein Mittagsläufchen durch den Englischen Garten.

Ganz harmlos steht er da an der Staatskanzlei rum. ©Haas-Gebhard

Nach diesem Täfelchen heißt der junge Mann im Münchner Volksmund allgemein nur „der Harmlos“ und das offenbar schon seit dem 19. Jahrhundert! Wer ist da nun dargestellt – als eine Allegorie des harmlosen Wandelns? Zur Zeit seiner Entstehung hieß es, Modell hätte ein Mitarbeiter des Bayerischen Kriegsministeriums (ein Beamter!) aus der Familie Bolgiano gestanden, der angeblich wie ein griechischer Gott ausgesehen hat („… von appollinischer Gestalt…“) –  offenbar erkannte die Münchner Gesellschaft da gewisse Ähnlichkeiten. Dem geschulten Auge einer Archäologin ist aber sofort klar, dass Schwanthaler da noch ein anderes Vorbild hatte und zwar kein geringeres als den schönsten Mann der römischen Antike.

Antinoos, zwischen 110 und 115 n. Chr. an der Schwarzmeerküste geboren, war der offenbar ungemein attraktive jugendliche Liebhaber des römischen Kaisers Hadrian, der von ihm völlig bezaubert war. Sein Lebensende war tragisch: vor den Augen Hadrians fiel er im Jahr 130 in den Nil und ertrank. Ein harmloser Bade-Unfall? Das mochte schon die damalige yellow press nicht so recht glauben, von einem zu großen Einfluss des jungen Mannes auf den Kaiser ist die Rede, von Intrigen und von einer eifersüchtigen Kaiserin, die so gar nicht traurig war über den Tod des Antinoos.

Hadrian (vorne) und Antinoos heute im British Museum.

File:Marble Busts of Hadrian & Antinous, from Rome, Roman Empire, British Museum (16517587460).jpg – Wikimedia Commons

Tief betroffen und todunglücklich war dagegen Hadrian, der dann schnell durchsetzte, dass sein Antinoos  als göttlich verehrt wurde und der das gesamte Imperium dann mit Statuen und Porträts seines Vielgeliebten quasi pflasterte. Es gibt kaum ein Antikenmuseum auf der Welt, das keine Plastik des Antinoos besitzt. Schwanthaler muss solche Antinoos-Statuen als Vorbild für seinen „Harmlos“ gekannt haben. In München kann man sich heute noch ein besonderes Exemplar im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst (es hat aktuell (26.3.2021) gerade mal auf….) ansehen. Es stellt den Antinoos in ägyptisierender Manier dar und stammt aus dem Privatbesitz des Kaisers Hadrian persönlich, von seinem hide-away, der Villa Adriana in Tivoli, etwa 30 km östlich von Rom.

File:Antinoos, AM of Delphi, 201430.jpg – Wikimedia Commons

File:Antinoos, Villa Hadriana 135 n. Chr., Aegyptisches Museum, Muenchen-2.jpg – Wikimedia Commons

Ich freue mich auf jeden Fall jedes Jahr, wenn Antinoos/Harmlos aus seinem Winterschlaf aufwacht, hole die kurzen Hosen raus und drehe gerne eine oder auch mehrere Extra-Laufrunden, um ihn zu besuchen. Im Englischen Garten steht jetzt natürlich eine Kopie der Statue von 1803, das Original befindet sich schon längst „unter Dach“ in der Residenz. Und noch ein kleiner Lese-Tipp zum Schluss: wer auf vergnügliche Weise mehr über Hadrian und Antinoos erfahren will, dem empfehle ich Marguerite Yourcenars Roman: „Ich zähmte die Wölfin“! Oder man kann einfach mal von einer harmlosen Laufrunde im Park der Villa Adriana träumen….

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