Tausend Jahre, tausend km

Haben die Nazis tatsächlich einen Ultra-Run über 1000 km veranstaltet?

Eigentlich kein Wunder, dass ich mir das Buch von Peter Keglevic, „Ich war Hitlers Trauzeuge“, erschienen 2017 beim Albrecht Knaus Verlag, in der Stadtbibliothek München Neuhausen sofort ausleihen musste! Auf dem Cover ein dynamischer Läufer, ein historisches Thema und dann beginnt das ganze Geschehen lt. Klappentext auch noch in Berchtesgaden, einer von mir heiß geliebten Berglandschaft. Der Inhalt knapp zusammengefasst: ein untergetauchter Jude nimmt im April 1945, kurz vor dem Ende des 2. Weltkriegs, an einem vom Nazi-Regime ausgerichteten Ultra-Run über 1000 km in 20 Etappen von Berchtesgaden nach Berlin teil und erlebt dabei zahlreiche Abenteuer, bis er schließlich Hitler selbst trifft und … wie der Titel schon sagt. Manche dieser geschilderten Erlebnisse fand ich recht lustig, wie die Geschichte der mit Pervitin (eine Art  Crystal Meth) gedopten strammen Nazi-Läufer, andere Ideen, wie einen schwarzen GI namens Joe ständig Roy Black, wie den Schlagersänger der 60er und 70er Jahre zu nennen, eher etwas schräg. Um die insgesamt 572 Seiten des Romans durchzuackern brauchte ich dann schon meine ganzen Marathon-Qualitäten.

Obwohl natürlich die gesamte Geschichte um den jüdischen Läufer Harry Freudenthal, der unter dem Pseudonym „Paul Renner“ antritt, ganz klar eine Fiktion ist, war ich anfangs nicht so ganz überzeugt davon, ob es im „Tausendjährigen Reich“ nicht doch eine solche Laufveranstaltung gegeben hat. Nach der Recherche konnte ich auch den ins Reich der Phantasie verweisen, einen 1000 km Ultra-Run quer durch Deutschland haben die Nazis nie ausgerichtet, auch wenn ich es ihnen zugetraut hätte! Aber der Roman ist super recherchiert, das Ambiente ist immer stimmig, zahlreiche der unsäglichen Nazi-Größen haben ihren Auftritt: Ribbentrop, Streicher, Himmler, Goebbels, Winifred Wagner und: Leni Riefenstahl. Die begleitet im Roman das Läuferfeld mit ihrem Filmteam, um einen Durchhaltefilm für das NS-Regime zu drehen. Immer wieder wird im Buch dabei Bezug genommen auf die in der Realität von ihr hergestellte zweiteilige Dokumentation „Olympia“ anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin.

Walter Frentz, Leni Riefenstahl und ein Unbekannter, 1936 in Berlin. Bundesarchiv, Bild 146-1988-106-29 / CC-BY-SA 3.0

Dieses Filmmaterial setzte seinerzeit Maßstäbe, Leni Riefenstahl und ihr Kameramann Walter Frentz erfanden beispielsweise 1936 in Berlin die „Kamerafahrt“, die aus dem modernen Filmgeschehen nicht mehr wegzudenken ist.„Olympia“ gilt bis heute als filmisches Meisterwerk, durchdrungen von der besonderen Ästhetik, die man mit dem Dritten Reich in Verbindung bringt, aber ideologisch natürlich ganz ganz nah an der nationalsozialistischen Propaganda. Den Bildern steht man heute deshalb sehr kritisch gegenüber, immerhin ist es aber dieser Leni Riefenstahl zu verdanken, dass wir heute noch den Superstar der Olympischen Spielen von 1936, den vierfachen Goldmedaillengewinner Jesse Owens (100m, 200m, 4 x 100 m Staffel, Weitsprung) auf Aufnahmen in Cinema-Qualität laufen sehen können. Gut – seine damalige Siegerzeit über die 100 m in 10,3 Sekunden ist heute natürlich pulverisiert, aber ich liebe seinen Laufstil, den unvergleichlichen Laufstil eines superguten Sprinters! Sein schnelles, mühelos wirkendes Stakkato, mit dem er die meisten seiner Konkurrenten geradezu schwerfällig erscheinen lässt, schaut es euch hier an: https://www.youtube.com/watch?v=quQopJmQry4

Auf Riefenstahls Tonspur hört man deutlich, wie das Berliner Publikum dem Wunderläufer zujubelt und seine Siege feiert. Zurück in den USA wurde aber auch ein Jesse Owens nicht vom Rassismus verschont. Die schwarzen Medaillengewinner wurden 1936 nicht vom Präsidenten empfangen und um zur olympischen Siegesfeier im Waldorf-Astoria in New York zu gelangen, musste der Superstar der Spiele den Lastenaufzug nehmen. Erst 1976 wurde seine sportliche Leistung offiziell durch die Verleihung der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, anerkannt. Zur Feier war Jesse Owens im Weißen Haus eingeladen. Er kam und da musste er nicht den Dienstboteneingang nehmen.

Jesse Owens 1936.

#blacklivesmatter #rundownracism

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