Vom Schweinsteiger und anderen Urviechern

Laufen kann man natürlich auch in den Bergen, manchmal ist aber auch eine Tour im Bergsteiger-Tempo schön.

Eine Bergtour, die ich nahezu jedes Jahr gehe, führt auf den Brünnstein im Mangfallgebirge. Der ist von meinem Feriendomizil aus leicht erreichbar, die Tour ist kurz (2,5 h rauf, 2 h runter, gute 800 hm einfach), unterwegs lauert das gemütliche Brünnsteinhaus mit Kaffee und Kuchen und obendrauf, zum Gipfel hin, gibt es einen leichten, Klettersteig – eine rundum gelungene Bergpartie, die bei trockenem Wetter richtig Spaß macht. Man könnte große Teile dieser Tour auch im Laufschritt absolvieren, in den Bergen nehme ich mir aber auch mal gerne Zeit und „laufe“ im gemütlichen Bergsteiger-Trott. Am Brünnstein gehe ich zumeist einen Rundweg, vom Tatzelwurmparkplatz über Schoißer- und Großalm hinauf und über die Rosengasse wieder runter – oder andersrum. Viel zu oft habe ich dabei die Tatzelwurm-Wasserfälle links liegen gelassen und mir da auch überhaupt keine Gedanken über den Namen und die dahinterstehende Drachensage gemacht, aber das Thema ist durchaus spannend.

Der Tatzelwurm-Wasserfall bei Oberaudorf. © Haas-Gebhard

MünchnerInnen verbinden mit der Bezeichnung Tatzelwurm eigentlich zumeist eine Straße, sei es die ziemlich scheußliche Autobahnbrücke im Norden von München oder eben die Mautstraße, die von Brannenburg aus Richtung Sudelfeld führt und bei Motorradfahreren besonders beliebt ist – laufen oder radeln würde ich deshalb dort eher nicht. Der Name ist aber viel älter, schon im 13. Jahrhundert taucht die Bezeichnung Tatzelwurmfälle für die Wasserfälle des Auerbaches auf. Dort entstand wohl auch die Sage vom Tatzelwurm, die sich über den gesamten Alpenraum bis in einige Mittelgebirge (z.B. die Eifel) ausbreitete. Wie der Name schon sagt, stellte man sich ihn als ein wurm-, also schlangenartiges Wesen vor, das mit Tatzen versehen war. Zeichnungen, die nach Sichtungen gemacht wurden, zeigen ein Mischwesen aus Katze und Schlange, Fotoaufnahmen sind bislang noch nicht gelungen.

Darstellung eines Tatzelwurms 1723 nach J. J. Scheuchzer, Ouresiphoites Helveticus, S. 385.

Der Tatzelwurm haust angeblich in Höhlen und Gewässern. Obwohl er nur eine Länge von etwa einem Meter erreicht, kann er angeblich dem Menschen gefährlich werden, manche halten ihn auch für giftig. Es gibt zahlreiche Sichtungsberichte, bis in das 20. Jahrhundert hinein, besonders häufig werden sie in den 1930er Jahren, als eine Berliner Zeitung 1000 Reichsmark als Belohnung für Sichtungen und Fotos auslobte. Nur eine Phantasiegestalt? Nachdem ich selbst einmal eine recht irritierende Begegnung mit Fischottern in der freien Natur hatte – drei Exemplare überquerten 20 Meter vor mir einen Wanderweg – kann ich mir sehr gut vorstellen, dass diese Tiere die Vorbilder für den Tatzelwurm waren. Die langgestreckten Körper, die beim Springen und Schwimmen schlangenähnliche Bewegungen machen, dazu das Fell und, ja, die Tatzen, das könnte schon zu den Sichtungsberichten passen. Wenn man diese Tiere nicht kennt mag man sie für Tatzelwurme halten…. Schaut mal hier das wunderschöne Filmchen von Heinz Sielmann:

Sehr lange hängt der Name auch an dem dortigen Wirtshaus, dem feurigen Tatzelwurm, worauf die Inhaber nicht wenig stolz sind. Victor von Scheffel war dort im 19. Jahrhundert gerne zu Gast, den man als Frankenkind unbedingt kennen muss. Er ist der Dichter des Frankenliedes („…Wohlauf, die Luft weht frisch und rein…“). Neben diesem großartigen musikalischen Opus hat er auch ein Tatzelwurmgedicht verfasst, das ich hier aber nicht weiter rezitieren möchte. Scheffel war mit dem Gründer und Wirt des Gasthofes offenbar sehr gut bekannt, einem gewissen Simmerl Schweinsteiger. Ohne jetzt große genealogische Studien betrieben zu haben, möchte ich meinen, dass dieser Simmerl, das ist bayerisch für „Simon“, vielleicht zu den direkten Vorfahren, aber auf jeden Fall irgendwie zur Familie des Fußballgottes Bastian Schweinsteiger gehört.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bastian_Schweinsteiger_celebrates_at_the_2014_FIFA_World_Cup.jpg

Basti ist aus dieser wunderschönen Gegend gebürtig, der Heimat des Tatzelwurms. In Oberaudorf steht das Sportgeschäft „Schweinsteiger“, das von seinem Vater betrieben wird. Ich habe dort aber noch nicht eingekauft.

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