Zaubertrank und Todespfeil

Misteln galten bei Kelten und Germanen als zauberkräftig, aber was hat das mit Marathon-Laufen zu tun?

Im Winter und frühen Frühjahr sind auf den Bäumen immer sehr gut die häufig zahlreich dort angesiedelten Mistelbüsche zu beobachten. Ich nehme mir solche „Mistelbäume“ gerne als Lauf- oder Etappenziele, aber die haben natürlich auch einen (kultur-) historischen Background. Doch zuerst etwas Botanik: Die Mistel ist eine immergrüne Pflanze (darum sieht man sie ja auf den kahlen Bäumen!) und zählt zu den sog. „Halbschmarotzern“, d.h. sie entziehen ihren Wirtspflanzen mit Hilfe bestimmter Saugorgane Wasser und Nährsalze und sind zu einer selbständigen Photosynthese in der Lage (anders als die „Vollschmarotzer“).

Mistelbaum im Englischen Garten (Haas-Gebhard).

Für die prähistorischen Menschen müssen diese immergrünen Büsche im ansonsten kahlen Umfeld faszinierend gewesen sein und man hat ihnen offenbar immer eine gewisse Zauberkraft zugeschrieben. So berichtet der römische Naturforscher Plinius (der Ältere, 24 – 79 n. Chr.), dass die keltischen Druiden mit einer goldenen Sichel Misteln von Bäumen schnitten und daraus einen Trank brauten, der vor Vergiftungen schützte und auch in der Tiermedizin eingesetzt wurde. Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Na klar, Uderzo und Goscinny nahmen diese Plinius-Stelle als Vorlage für ihren Miraculix und den unbesiegbar machenden Zaubertank, der in dem fiktiven kleinen gallischen Dorf zu Cäsars Zeiten gebraut und ausgeschenkt wurde. Genau nachlesen kann man es hier: Andreas. Hofeneder, Plinius und die Druiden. Überlegungen zu naturalis historia 16, 249–251. In: H. Birkhan/H. Tauber (Hrsg.), Kelten-Einfälle an der Donau. Österr. Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse. Denkschriften 345 (Wien 2007) 307–324.): 

Ein archäologisches Zeugnis für die Wertigkeit der Mistel im keltischen Umfeld stammt vom hessischen Glauberg im Wetteraukreis. Dort wurde die Grabstatuette eines keltischen Fürsten gefunden, der eine recht ungewöhnliche Kopfbedeckung trägt. Manche Kollegen bezeichnen seine Blattkrone zwar spöttisch als „Micky Maus-Ohren“ aber die Asymmetrie der beiden Blätter ist ein ganz eindeutiges Charakteristikum der Mistelblätter. Die Statuette des Keltenfürsten mit der Mistelkrone stammt übrigens etwa aus der Zeit, als an einem griechischen Strand bei Marathon eine große Schlacht zwischen Persern und Griechen geschlagen wurde und ein laufender Bote dann die Nachricht vom griechischen Sieg nach Athen brachte – die Geburtsstunde des Marathonlaufes (490 v. Chr.).

Die Mistelkrone des Keltenfürsten vom Glauberg (Heinrich Stuerzl)

Aber nicht nur für die Kelten, auch für die Germanen hatte die Mistel eine besondere Bedeutung. Die Mutter des schönsten und beliebtesten aller germanischen Götter – sie heißt Frigga – war so in Sorge um ihren heißgeliebten Sohn, dass sie jedem Lebewesen und Element auf der Erde das Versprechen abnahm, ihrem Balder Nichts zu leide zu tun. Die unscheinbare Mistel übersah sie dabei blöderweise und ihr Balder wurde dann in Folge einer Intrige des hinterhältigen Loki durch einen zum Pfeil umgearbeiteten Mistelzweig getötet. Besonders schön finde ich die Vorstellung, dass sich die mütterlichen Tränen der Frigga dann in die weißen Beeren der Mistel verwandelten. Balder kam übrigens nach seinem Tod wieder für kurze Zeit unter die Lebenden zurück, worüber sich Frigga so freute, dass sie jeden küsste, der ihr unter einem Mistelzweig begegnete. Angeblich, aber nur ganz angeblich ist dies der Ursprung dafür, warum man sich an Weihnachten unter einem Mistelzweig küssen sollte…

Also, nehmt einen Zaubertrank ein, geht dann raus zum Laufen, habt Spaß dabei, sucht Mistelbäume, denkt an Miraculix, Micky Maus-Ohren, Marathon und küsst (symbolisch) jeden, der euch begegnet!

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